
Unsere Vision
DU BIST AM ZUG ist ein gesellschaftspolitisches und wissenschaftliches Projekt. Unsere Vision ist es, Städte zu einem besseren Ort zu machen – einem Ort, an dem alle, unabhängig von Geld, politischer Macht, sozialem Status, Alter oder Herkunft, die Chance haben, sich zu äußern und gehört zu werden. Wir glauben, dass jeder Mensch die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen verdient. Und wir hoffen, dass dies eines Tages nicht nur in einzelnen Projekten, sondern in vielen Städten zur gelebten Realität wird – und vielleicht sogar zu einem gesetzlichen Recht auf öffentliche Teilhabe.
Ein Funken Nähe im Stadtraum
Wir glauben, dass der gesellschaftliche Diskurs heute so stark polarisiert, weil Meinungsäußerungen meist gruppenbasiert stattfinden – etwa in Demonstrationen oder in sozialen Medien, die Menschen in Filterblasen einschließen. So sehen wir andere oft nur noch als Teil einer Gruppe und verlieren den Blick für den Mitmenschen neben uns.
DU BIST AM ZUG gibt individuellen Stimmen Raum und zugleich einen gemeinsamen Klang. Unsere Hypothese – und zugleich Hoffnung – ist, dass das Teilen persönlicher Inhalte im Stadtraum neue Themen und Ausdrucksformen in den öffentlichen Diskurs bringt, Nähe über soziale und politische Grenzen hinweg schafft und somit den sozialen Zusammenhalt stärkt.
DU BIST AM ZUG – Poster im öffentlichen Raum Berlins
Was hat unsere Forschung bisher gezeigt?
Jedes DU BIST AM ZUG Projekt wird mit Umfragen und Analysen wissenschaftlich begleitet. Die bisherigen Ergebnisse haben gezeigt: Die Teilnahme an DU BIST AM ZUG tut gut. Viele Teilnehmende berichten, dass sie sich stolz und glücklich fühlen und zugleich ein starkes Gemeinschaftsgefühl empfanden.
Auch auf Passant*innen hatten die persönlichen Plakate messbare Effekte: Unsere Befragungen zeigten, dass die Präsenz der Poster im Stadtraum ihre Stimmung verbesserte und dass sie Berlin stärker als eine Stadt der Teilhabe wahrnahmen.

Wordcloud aus den Umfragen der Teilnehmenden
Im Mittelpunkt: Kunst und Persönliches
Die Inhaltsanalyse der eingereichten Plakate zeigte ein spannendes Bild: Nur ein bemerkenswert kleiner Teil enthält politische Botschaften. Die große Mehrheit gibt Einblick in die Kreativität der Teilnehmenden und in sehr persönliche Welten – ohne die Aufforderung, sich einer Position anzuschließen oder zu widersprechen.
Das gilt auch für die Motivation zur Teilnahme: Am häufigsten nannten die Befragten den Wunsch, die eigene Kunst zu zeigen, dicht gefolgt von dem Bedürfnis, etwas Persönliches zu teilen. Am seltensten wurde als Motivation angegeben, eine wichtige Botschaft vermitteln zu wollen. Dieser Befund ist bemerkenswert: Er lässt erahnen, wie anders unser öffentlicher Diskurs aussehen könnte – jenseits der oft polarisierenden politischen Botschaften – wenn mehr Raum für die freie Ausdrucksform einzelner Bürger*innen bestünde.
DU BIST AM ZUG - weltweit
DU BIST AM ZUG ist ein fortlaufendes Experiment, das den öffentlichen Raum als Labor begreift. Wir wollen das Projekt in weitere Städte tragen, neue Konzepte erproben und auch in neuen Kontexten umsetzen – von Schulen über Universitäten bis hin zu Altenheimen.
Mit Beginn des Krieges in Gaza haben wir gemeinsam mit der Diversitätsabteilung der Hebräischen Universität das Konzept von DU BIST AM ZUG auf den Campus übertragen. Gerade in den stürmischen Tagen von Polarisierung und Schmerz haben wir versucht, die unterschiedlichen Fragmente der israelischen Gesellschaft – Araber*innen und Jud*innen, Religiöse und Nichtreligiöse – nebeneinander sichtbar zu machen und damit zu zeigen, dass jeder Stimme und jeder Identität der gleiche Platz in der Gemeinschaft zusteht.
Inmitten von Krieg und Spaltung haben Studierende, Lehrende und Mitarbeitende Bilder und Texte zu ihrer Identität eingereicht und damit die wunderbare Vielfalt des menschlichen Mosaiks der Universität und der israelischen Gesellschaft sichtbar gemacht.
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Beiträge der Teilnehmenden im Projekt an der Hebräischen Universität
Wie geht es weiter?
Aktuell werten wir die erhobenen Daten aus und entwickeln ein weiteres Projekt: Als nächstes möchten wir Menschen, die als Erste in ihrer Familie an einer Universität studieren, auf dem Campus eine Bühne geben, um ihre Erfahrungen und Perspektiven zu teilen.
Zum Projekt: anikan.org
Publikationen
If Billboards Could Talk: Re-Imagining Urban Spaces as Sites of Individual Expression
CONNECTICUT PUBLIC INTEREST LAW JOURNAL (2025): In diesem Artikel berichten wir über die erste Durchführung von DU BIST AM ZUG im Jahr 2022, an der 770 Menschen teilnahmen und ihre Kreativität, persönlichen Geschichten und Botschaften auf Berliner Plakatflächen brachten. Unsere Auswertung zeigt, dass die Teilnahme Gefühle von Gemeinschaft und Zugehörigkeit hervorrief und verdeutlicht, dass individuelle Ausdrucksmöglichkeiten im öffentlichen Raum zur Entpolarisierung und zu mehr Teilhabe beitragen können.
(Un)Official Cityscapes: The Battle over Urban Narratives
HARVARD CIVIL RIGHTS-CIVIL LIBERTIES LAW REVIEW 177-270 (2022): Dieser Artikel befasst sich mit den Narrativen, die das Stadtbild prägen. Anhand rechtlicher Konflikte um Ausdrucksformen im öffentlichen Raum – von Graffiti bis zum Schutz von Kunstwerken – zeigen wir, welche Stimmen sichtbar und welche verdrängt werden. Unsere Untersuchung ergibt: Konsum und Patriotismus dominieren, während soziale und politische Kritik meist verloren geht. Wir plädieren dafür, Eigentumsrechte neu zu denken und urbane Flächen als Medium freier Meinungsäußerung für alle Bewohner*innen zu öffnen.
Reading the Illegible: Can Law Understand Graffiti?
53 CONNECTICUT LAW REVIEW 117-152 (2021): Dieses Essay behandelt die ambivalente gesellschaftliche und rechtliche Haltung zu Graffiti – zwischen „Vandalismus“ und anerkannter, urheberrechtlich geschützter Kunstform. Allen Graffiti ist die implizite Botschaft gemeinsam, den Ausschluss aus dem öffentlichen Raum nicht hinzunehmen. Unser Vorschlag ist, diese Botschaft ernst zu nehmen und Eigentumsrechte neu zu denken, sodass urbane Flächen als Medium freien visuellen Ausdrucks genutzt werden können – als Ort der Diskussion, des Austauschs und der ästhetischen Gestaltung.


















